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Malawo – Hufrehe

Der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten, die Luft ist mild, die Sonne lacht und Sylvia M. freut sich, dass nun auch für ihren Wallach Malawo wieder die Freiluftsaison beginnt.

Da sie um die Gefahren von Klee und frisch getriebenem Gras weiß und Malawo ohnehin schon ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hat, lässt sie ihr Pferd sechs Wochen lang nur jeweils zehn Minuten an der Hand grasen. Anfang Mai stellt sie das Quarterhorse auf die Weide. Als sie eines Mittags zu ihm geht, sieht sie Malawo freudig, aber merkwürdig tappend auf sich zukommen. Auf dem Weg zum Stall läuft er unsicher trippelnd mit starker Lastaufnahme auf den Trachten und als sie auf den Kiesweg einbiegen, macht er sich steif und will nicht weiterlaufen. Plötzlich beginnt er stark zu zittern und zu schwitzen. Innerhalb kurzer Zeit ist er völlig schlapp, sein Puls rast und die Schleimhäute sind blass. Sylvie M. benachrichtigt sofort den Tierarzt, der ihre Vermutung bestätigt: akute Hufrehe.

Obwohl Sylvia M. in Bezug auf die Hufrehegefahr mit dem vorsichtigen Anweiden alles richtig gemacht hat, ist Malawi an Hufrehe erkrankt. Wie kann das sein? Der Tierarzt vermutet, dass das Übergewicht Malawis verbunden mit der Tatsache, dass ein Quarterhorse rassebedingt bereits viel Gewicht auf relativ kleinen Hufen trägt, zum Ausbruch der Hufrehe geführt hat.

Die Hufrehe kommt nämlich nicht nur durch die Aufnahme von zu eiweiß- bzw. kohlehydrathaltigem Futter oder Giftstoffen zustande. Auch ein hohes Körpergewicht, Dauerbelastung auf hartem, unebenem Boden, Überlastung der Gliedmaße bei Erkrankung der anderen Beine oder transportbedingtes übermäßig langes Stehen kommen als Ursache in Frage.
Wegebereitend sind auch Stellungsanomalien, Fehler bei der Hufzubereitung oder Nachgeburtverhalten.

Alle diese Faktoren können zu einer akuten Entzündung der Lederhaut des Hufes und damit zur Hufrehe führen. In der Folge kommt es zu einer großflächigen Flüssigkeitsansammlung, welche den klettverschlussartigen Aufhängeapparat des Hufbeins an der Innenseite der Hornkapsel zerstört. Dieser Zustand ist extrem schmerzhaft. Da zumeist die Vorderhufe betroffen sind, verlagern die Pferde das Gewicht auf die Hinterbeine und nehmen eine typische Stellung ein mit weit nach vorne gestellten Vordergliedmaßen und unter den Körper gestellten Hinterextremitäten.

 

Praxisfall Hufrehe - Bild 1
Typische Stellung eines Pferdes mit akuter Hufrehe

 

Praxisfall Hufrehe - Bild 2 Praxisfall Hufrehe - Bild 3
Reheringe am Hufhorn Röntgenaufnahme eines Pferdes mit Hufrehe. Bei einem gesunden Huf verlaufen beide roten Linien parallel. Deutlich ist hier die Rotation des Hufbeins zu erkennen.


Malawo hatte Glück. Neben der sofortigen Versorgung durch den Veterinär wird er noch am selben Tag durch eine Tierphysiotherapeutin behandelt. Diese sorgt mittels intensiver Lymphdrainage dafür, dass der in der Lederhaut befindliche Erguss schnell abtransportiert wird. Durch die damit verbundene Druckentlastung werden die Schmerzen augenblicklich reduziert und das Gewebe wird wieder besser versorgt. Dies verhindert ein weiteres Absterben der Zellen, welches nachfolgend zur Lösung des ‘Klettverschlusses’ führt.

Bei Malawo blieb die Hufrehe dank Lymphdrainage ohne Folgen und Sylvia M. hat ihren Wallach nun auf Diät gesetzt.

Viele Pferde könnten gerettet werden, wenn Tierärzte und Pferdehalter über die Möglichkeiten der Lymphdrainage bei Hufrehe informiert wären. Viel zu selten kommt diese effektive physiotherapeutische Methode zum Einsatz. Zudem kann von einer flächendeckenden Verfügbarkeit an Tierphysiotherapeuten zurzeit leider noch keine Rede sein. Doch es gibt erste Lichtblicke. In einigen Ställen werden bereits Seminare zu dem Thema abgehalten und immer mehr Tierhalter sprechen ihren Tierarzt auf die Möglichkeit einer physiotherapeutischen Behandlung an.


 

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