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Aisha – Femurkopfresektion bei einem Tierschutzhund

 

Praxisfall Aisha - Bild 1 Die bretonische Vorstehhündin Aisha wurde über eine Tierschutzorganisation aus Spanien an eine Familie in Deutschland vermittelt.Sie hatte einen verkürzten und gewinkelten Oberschenkelknochen links, der aus einer unversorgten Fraktur in Spanien resultierte. Rechtsseitig wurde eine beginnende Hüftgelenkdysplasie (HD) diagnostiziert.In der Konsequenz zeigten sich ein humpelnder Gang mit Entlastung der linken verkrüppelten Gliedmaße, eine linksseitige Muskelatrophie und eine Asymmetrie der Körperachse. Aisha vermied konsequent den Trab und hüpfte in dieser Gangart mit gestreckten Hinterbeinen, wobei sie Schwung mit den Vordergliedmaßen holte. Beim Aufstehen gab sie gelegentlich einen Schmerzlaut von sich.


Im Spiel mit einem anderen Hund zog sie sich eine Subluxation in der HD-geschädigten Hüfte zu. Dies führte zu einer ständigen Lahmheit. Der Tierarzt riet aus Kostengründen zu einer Femurkopfresektion, bei welcher der Oberschenkelkopf entfernt wird und sich aus Hüftgelenkpfanne und Oberschenkelhals ein Falschgelenk aus Bindegewebe bildet. Als Komplikation stand bereits vor der Operation die mangelnde Belastbarkeit der bislang geschonten verkrüppelten linken Hintergliedmaße fest, die in der auf die Operation folgende Rehaphase die ganze Last tragen müssen würde. Eine physiotherapeutische Nachbetreuung wurde vereinbart.
Nach erfolgreicher Operation verordnete der Tierarzt Leinenzwang und kurze Spaziergänge für 10 Wochen.
Postoperativ hat der Hund das operierte Bein beim Gehen ausschließlich getragen ohne es zu belasten.

Der physiotherapeutische Behandlungsplan sah in Anpassung an den Heilungsverlauf folgende Maßnahmen vor:

  • Magnetfeld (Schmerzminderung durch Verschiebungen im Ionenmilleu)
  • TENS (Schmerzlinderung mittels transkutaner elektrischer Nervenstimulation, wobei eine spezielle Stromform im Schmerzbereich mittels Elektroden aufgebracht wird)
  • Klassische Massage (Manuelle Einflussnahme auf die Muskulatur, z.B. durchblutungsfördernd oder lockernd)
  • Propriozeptives Training (Aufwecken der sog. Propriozeptoren, welche für ein zeitgerechtes Anspannen der gelenkumgebenden Muskulatur sorgen. Im Vordergrund steht hierbei die Arbeit auf unebenem Untergrund)
  • Körperband (dieses schult das Körperschema und die Bewusstmachung von Bewegungsabläufen)
  • Isometrische Bewegungsübungen (Muskeltraining durch Druckausübung am Patienten, ohne dass eine Gliedmaßenbewegung stattfindet)
  • Aktive Bewegungsübungen, Gangschulung (z.B. Übersteigen von Stangen oder Slalomlaufen, um den Muskelaufbau zu fördern und das normale Gangbild wieder anzutrainieren)

Der Umstand, dass es sich bei Aisha um einen Straßenhund handelte, ließ eine Umsetzung der Therapien im üblichen Rahmen nicht zu. Der Patient entzog sich durch mangelnde Bindung an Menschen und fehlende Bereitschaft, für die Halter auch Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen, weitestgehend den therapeutischen Maßnahmen.

TENS, Klassische Massagen oder passive Bewegungsübungen konnten nicht durchgeführt werden, das Aisha die wenig bemuskelte, verkrüppelte Gliedmaße durch darauf legen jedem Zugriff entzog.
Die Isometrischen Übungen verweigerte sie, bei Anlegen des Körperbandes vermied sie jede Bewegung und wenn die Stangenarbeit anstand, legte sie sich einfach hin.

Bis auf die Magnetfeldbehandlung mussten alle Therapieformen so modifiziert werden, dass sie als solche vom Patienten nicht mehr erkannt wurden.

Da sie sich außerhalb der Therapiesituation durchaus kooperativ zeigte, wurden die Übungen in Alltagssituationen eingebaut:

 

Zur Ausführung isometrischer Übungen wurde die Futterschüssel erhöht gehängt, so dass sich Aisha zum Fressen auf die Hinterbeine stellen musste.Bei Spaziergängen wurde auf langsame Gangart und lückenlosen Einsatz der operierten Gliedmaße geachtet. Bei Aufhebung des Leinenzwanges und wieder gewonnener Lebensfreude setzte Aisha das operierte Bein spontan wieder ein, führte aber durch die vorhandene Muskel- und Bänderatrophie bei jedem Schritt eine Rotationsbewegung aus. Praxisfall Aisha - Bild 2


Ein gummiertes Söckchen, das in den Therapiesitzungen über die rechte Pfote gezogen wurde, bewirkte eine höhere Aktion am operierten Bein und Reduktion der Rotation.

Alle Bewegungsübungen wurden in der Natur ausgeführt. Anstelle von Kisten, Stufen und Stangen wurde der Hund zwecks Muskelaufbau an den Hintergliedmaßen im Wald an Steigungen bergauf geführt. Bäume ersetzten die Slalomstangen zur Förderung der Koordination und Lastaufnahme des rechten Beines. Der Treppenaufgang zur Haustür wurde ebenfalls zum versteckten Muskeltraining eingesetzt.
Im Laufe eines halbes Jahres, in dem Aisha auf diese Weise intensiv physiotherapeutisch betreut wurde, hat sich die Muskulatur Hintergliedmaßen gut entwickelt. Der Patient belastet die verkrüppelte linke Gliedmaße und setzt in allen drei Gangarten beide Gliedmaßen ein. Trabsequenzen werden nun häufiger in schnelleren Gangarten an der Leine eingeschoben. Dies war vor der Therapie undenkbar. Alle Schmerzmittel wurden abgesetzt. Massage und Wärmeanwendungen lässt sie mittlerweile zu.

 

Der Fall Aisha zeigt besonders deutlich, wie wichtig es ist, bei über den Tierschutz vermittelten Patienten die Behandlung an die Vita und die Psyche des Hundes anzupassen. Hier ist viel Kreativität gefragt, um einerseits die Ziele der Therapie zu erreichen und auf der anderen Seite das Durchhaltevermögen der Halter zu fördern.
Nur eine umfassende und intensive Ausbildung sowie die genaue Kenntnis der Wirkungen aller Therapieformen versetzt den Tierphysiotherapeuten in die Lage, Patienten auch unter solch schwierigen Bedingungen erfolgreich behandeln zu können.
Praxisfall Aisha - Bild 3


Diesen Praxisfall stellte uns Tierphysiotherapeutin Verena Kunz aus Herborn zur Verfügung. (www.tierphysiotherapie-herborn.de)

 

 

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